Wabi-Sabi – Die Schönheit im Unvollkommenen
Wabi-Sabi, dieses japanische Konzept ist eine Einladung, die Welt anders zu betrachten.
Wabi Sabi feiert die Schönheit im Unvollkommenen, im Natürlichen und im Vergänglichen.
Wabi-Sabi sagt: Nichts muss glatt, symmetrisch oder makellos sein, um wertvoll zu sein. Im Gegenteil – gerade die Risse, die Abnutzung, die Asymmetrie und die Spuren der Zeit machen Dinge und Menschen echt und berührend. Ein handgeformter Teekessel mit leichter Schieflage, eine Keramikschale mit einem feinen Riss, ein Blatt, das schon ein wenig welkt – all das trägt eine stille Würde in sich.
Unvollkommenheit zu feiern bedeutet, loszulassen von den Idealen der Perfektion, die uns oft so eng machen. Es heißt, das Leben so anzunehmen, wie es sich zeigt: mit Falten, Narben, Unebenheiten und allem, was nicht „ideal“ ist. Genau darin liegt die Wärme, die Tiefe und die echte Schönheit.

Wabi-Sabi in der Tantramassage
In meiner Arbeit als Tantramasseur spüre ich dieses Prinzip jeden Tag. Die Berührung wird nicht schöner, wenn die Haut glatt und jugendlich ist. Sie wird schöner, wenn ich den Körper so nehme, wie er ist – mit all seinen Lebensspuren.
Meine Hände gleiten über Dehnungsstreifen, über Narben, über weiche Stellen, über Speckröllchen ("love handles"), über Zellulite-Dellen und über Stellen, die sich anders anfühlen als „normal“. Genau dort entsteht oft die tiefste Verbindung. Die Unvollkommenheit wird nicht übersehen oder „wegmassiert“. Sie wird geachtet. Sie darf da sein. Und in dieser Achtung öffnet sich etwas: der Mensch fühlt sich gesehen – nicht trotz, sondern mit allem, was er mitbringt.

Wabi-Sabi in der Sexualbegleitung – das Göttliche im Einzigartigen
Noch deutlicher wird Wabi-Sabi in der Sexualbegleitung. Ich schlafe mit meinen Klientinnen nicht trotz ihres Alters, trotz einer körperlichen oder geistigen Behinderung oder trotz der Spuren, die das Leben hinterlassen hat. Diese Besonderheiten sind für mich Manifestationen des Göttlichen.
Jeder Körper ist einzigartig geformt. Speckröllchen, Narben, eine andere Beweglichkeit, eine ungewöhnliche Form – all das gehört dazu. All das macht uns aus.
In der intimen, liebevollen Begegnung fließt die Lust durch genau diese Unvollkommenheiten hindurch. Und sie wird dadurch wahrer, wärmer und tiefer.
Viele Frauen erleben hier zum ersten Mal: „Ich werde nicht als unvollkommen abgewertet, ich werde nicht als Behinderte oder als Alte gesehen – ich werde als Frau gesehen, attraktiv und liebenswert, mit all diesen Besonderheiten.“ Das stärkt das Selbstwertgefühl, es empowert und lässt sie freier werden. Die einvernehmliche, nährende Sexualität wird zu einer Feier des ganzen Menschen – genau so, wie er ist.

Leonard Cohen hat es in einem Liedtext auf den Punkt gebracht: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“
Es gibt einen Riss in allem. Und genau dort scheint das Licht herein.
In meiner Arbeit erlebe ich das immer wieder. Die Risse, die wir so gerne verstecken wollen – die Unsicherheiten, die Narben, die Abweichungen vom Ideal – sind oft genau die Stellen, an denen Heilung, Nähe und Licht möglich werden. Wenn wir uns trauen, sie zu zeigen und berühren zu lassen, dann kommt etwas Helles, Warmes und Lebendiges zum Vorschein.

Wir haben alle einen Sprung in der Schüssel. Das ist kein Manko. So ist das Leben. Lassen wir das Licht hineinscheinen und feiern es
in Liebe.
mein Jahresrückblick 2024
















