Sexualbegleitung bei Demenz: Warum demente Frauen im Alter ihre Sexualität ausleben dürfen – und wie das allen hilft
Warum demente Frauen im Alter ihre Sexualität ausleben dürfen – und wie das allen hilft
Ich hab schon so viele Anfragen von Pflegeeinrichtungen, Angehörigen und Pflegekräften für Menschen mit Demenz bekommen. Die Situation ist immer ähnlich: Die sozialen Schranken, die wir alle im Kopf haben, sind bei Demenz einfach weg. Die Menschen, Frauen genau so wie Männer, werden plötzlich total direkt – mit Worten oder mit Verhalten. Sie sagen, was sie wollen, oder sie zeigen es ganz klar. Und manche Medikamente gegen Demenz pushen die Libido noch zusätzlich hoch. Dann entsteht in der Wohngruppe oder zu Hause schnell übergriffiges Verhalten, das den Alltag stört. Genau dann werden wir Sexualbegleiter gerufen. Wir sind zwar nicht da, um irgendwas zu „reparieren“, sondern um diesen Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre Sexualität selbstbestimmt auszuleben. Ohne Frust, ohne Unruhe, damit sie entspannt und zufriedener durch den Tag gehen. Und wisst ihr was? Das klappt richtig gut – und steigert die Lebensqualität enorm. Und das Zusammenleben läuft dann meist deutlich entspannter.
Ich arbeite als männlicher Sexualbegleiter überwiegend mit Frauen. Frauen, die Pflege brauchen, werden noch weniger als Männer als Personen mit sexuellen Bedürfnissen gesehen. Deshalb schreibe ich in diesem Blog über Frauen mit Demenz. Für Männer gilt natürlich das Gleiche.
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft erklärt das in ihrem Infoblatt 29 „Sexualität und Demenz“ ganz klar: Demenz verändert das Erleben und Verhalten, weil Kurzzeitgedächtnis, Perspektivübernahme und Impulskontrolle nachlassen. „Geht diese erworbene Fähigkeit zur sozialen Ausbalancierung im Verlauf einer Demenzerkrankung verloren, äußern wir unsere Bedürfnisse und Impulse möglicherweise viel direkter und ungefiltert.“
Medikamente können die Libido zusätzlich verstärken. Genau das sehe ich in der Praxis öfter. Die Schranken fallen, und plötzlich ist alles ganz unverblümt auf dem Tapet. (Quelle: Infoblatt 29 der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/factsheets/infoblatt29_sexualitaet_und_demenz_dalzg.pdf)
Pro familia schreibt dazu passend: „Wird das Gehirn durch eine Demenz geschädigt, können die Kontrollmechanismen für sexuelles Verhalten versagen. Die Einsicht in und Kenntnis von sozialen Regeln gehen verloren.“ Deshalb entstehen diese Situationen, die für Pflegekräfte, Mitbewohner und Familie oft schwer auszuhalten sind. Und genau deswegen suchen viele aktiv nach Lösungen, die er Würde und den Wünschen der Klient:innen gerecht werden, wie professionelle Sexualbegleitung. (Quelle: https://www.profamilia.de/themen/sexualitaet-und-aelterwerden/sexualitaet-und-demenz)
Die harten Realitäten im Pflegealltag
- Stellt euch vor: Eine demente Dame wird bei der Pflege im Intimbereich gewaschen – und reibt sich am Pfleger, greift ihm an den Schritt oder den Po.
- Eine andere entblößt sich vor Mitbewohnern, fummelt herum und fordert die anderen direkt zum Sex auf.
- Wieder eine andere empfängt ihren männlichen Pfleger schon in Unterwäsche im Zimmer, versucht ihn zu berühren und ins Bett zu locken.
- Und dann die klassische Situation: Die alte Dame hält ihren eigenen Sohn immer wieder für ihren verstorbenen Mann und macht ihm eindeutige Avancen. Die Familie ist damit total überfordert.
Das demenz-portal.at beschreibt in „Sexualität und Demenz Teil 1 – Hintergründe“ genau diese Hypersexualität oder sexuelle Enthemmung: Zwanghaftes Verhalten, Entblößung, unsittliche Angebote, Betatschen – oft bei vaskulären, frontotemporalen oder Parkinson-assoziierten Demenzen. Und es belastet das Personal enorm, manchmal sogar mehr als andere Verhaltensauffälligkeiten. (Quelle: https://demenz-portal.at/aktuelles/sexualitaet-und-demenz-teil-1-hintergruende/)
Aber wichtig: Diese Frauen sind nicht „schlecht“ oder „gestört“. Sie haben einfach nur ein ganz normales menschliches Bedürfnis nach Nähe, Berührung und Lust, das sie nicht mehr filtern können. Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis – auch bei Demenz. Statt das zu unterdrücken oder mit Medikamenten runter zu drücken, gibt es eine würdevolle Lösung: Sexualität zu leben, professionelle Sexualbegleitung anzufordern.
Mehr zur Sexualbegleitung in meinen Blogs, z.B. warum Sexualbegleitung? oder Sexualbegleitung - was geschieht da eigentlich?
Echte Fallbeispiele – anonym, aber aus meiner Begleitung
- Nehmen wir Frau M., 82 Jahre, vaskuläre Demenz. Die Medikamente haben die Libido hochgepusht. Bei der Intimpflege reibt sie sich an den Pflegern, greift zu, will mehr. Nach regelmäßigen Besuchen von mir entsteht Vertrauen und alles hat sich gedreht. Sie geht vertrauensvoll mit mir aufs Zimmer, erkennt mich und den Zweck meines Besuches, wir sind intim - und danach ist sie die entspannteste Bewohnerin weit und breit. Keine Übergriffe mehr. Die Pflegeleitung hat mir gesagt: „Endlich Ruhe im Karton.“ aber noch wichtiger: sie ist befriedigt und zufrieden, sie hat das bekommen, nach dem sie verlangte. Ihre Menschenwürde wurde gewahrt.
- Frau V., 56, empfing ihre Pfleger immer mal wieder nur mit sexy Unterwäsche bekleidet und versuchte sie zu intimen Handlungen zu verführen. Sie war sehr erfreut, dass sie in mir endlich jemanden gefunden hatte, der ihre Einladung annahm und es störte sie dabei gar nicht, dass sie mich dafür bezahlen musste. Sie genoss unsere gemeinsamen Stunden, war bis zum nächsten Besuch deutlich zufriedener und liess ihre Pfleger unbehelligt.
- Oder Frau K., 73, die ihren Sohn ständig für ihren verstorbenen Mann hält. „Jetzt ist doch wieder Zeit für Sex“, sagt sie ihm immer wieder und versucht ihn zu streicheln. Die Familie war verzweifelt und schämte sich oft wegen dieser peinlichen Situationen. Mit Sexualbegleitung hat sie einen sicheren, geschützten Raum für ihre Bedürfnisse, darf sie befriedigen. Während unserer Zeit ist sie oft klarer, blüht auf, und die Avancen beim Sohn hören auf. Alle atmen auf.
- Dann Frau N., 67, die sich vor Mitbewohnern auszieht und sich und andere befummelt. Die ganze Wohngruppe war genervt und gestresst. Nach ein paar regelmäßigen Besuchen: Frieden pur. Sie erzählt mir in ihrem Zimmer ganz direkt, was sie mag, wir haben unsere intimen Momente, und danach ist sie ausgeglichen und braucht niemanden mehr zu belästigen.
Wie im demenz-portal.at beschrieben: Nach Besuchen von Sexualbegleiter:innen werden viele demente Menschen nicht nur weniger aufdringlich, sondern blühen regelrecht auf. Die Lebensqualität steigt, und der Medikamentenverbrauch sinkt teils sogar.
Der größte Gewinn: Mehr Lebensqualität für die Frauen – und Entlastung für alle
Am Ende geht’s genau darum: Steigerung der Lebensqualität. Diese dementen Frauen dürfen ihre Sexualität selbstbestimmt leben, statt frustriert und unruhig zu sein. Sie sind zufriedener, entspannter, klarer im Moment und stören weniger den Alltag. Wie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft sagt: Die positive Wirkung gelebter Sexualität auf körperliche und mentale Gesundheit ist ein Leben lang erfahrbar. Und ich sehe das in jeder Begleitung: Nach regelmäßigen Terminen freuen sie sich auf den nächsten, sind ruhiger und leben wieder mehr.
Sexualbegleitung ist keine „Notlösung“, sondern eine echte, respektvolle Hilfe. Sie gibt diesen Frauen im Alter ein Stück Würde und Selbstbestimmung zurück, das die Demenz ihnen sonst nimmt. Ich bin stolz, das als Sexualbegleiter anbieten zu können.
Wenn ihr in einer Pflegeeinrichtung arbeitet, Angehörige seid oder selbst merkt, dass sexuelle Frustration im Spiel ist – meldet euch gerne. Direkt bei mir per Mail oder auf www.sexualbegleitung-nrw.de, oder ihr findet die Adressen von Sexualbegleiter:innen und Sexualassistent:innen auf www.sexualassistenz.de
Es gibt Lösungen, die allen helfen. Sexualität hört nie auf, auch nicht bei Demenz. Sie braucht nur den richtigen, sicheren Raum.
Meine Kollegin Nicole hat ebenso einen Blog mit einem Beitrag über ihre Arbeit mit Patienten mit Demenz.
mein Jahresrückblick 2024















