Sexualbegleitung für Menschen mit geistiger Behinderung: Ein Beitrag zur sexuellen Selbstbestimmung
Ein Beitrag zur sexuellen Selbstbestimmung – Einblicke für Pflegende und Angehörige
Sexualbegleitung ist eine professionelle, bezahlte Dienstleistung, die Menschen mit geistiger Behinderung hilft, ihren Körper, ihre Wünsche und ihre Grenzen kennenzulernen. Als Sexualbegleiter berühre ich in Liebe – das ist meine innere Haltung. Es geht um achtsame, wertschätzende Berührungen, die Sicherheit und Freude schaffen. Sex ist etwas ganz Natürliches und gehört zu unserem aller Leben dazu. Sex macht Spaß – und gerade Menschen mit geistigen Behinderungen können ihn oft ganz ungehindert und mit großer Freude genießen, wenn sie die Gelegenheit dazu bekommen.
Die häufigsten Befürchtungen – und was Fachleute dazu sagen
Viele Pflegende und Angehörige haben verständliche Befürchtungen, wenn das Thema Sexualbegleitung aufkommt. Drei Fragen tauchen besonders häufig auf:
- Menschen mit geistiger Behinderung werden oft als „auf dem Niveau eines Kindes“ beschrieben. Wäre Sexualbegleitung dann nicht vergleichbar mit Sex mit einem Kind?
- Verstehen die Betroffenen wirklich, was mit ihnen gemacht wird – oder ist das übergriffig und wird ihnen Sex quasi aufgezwungen?
- Begreifen sie, dass es sich um eine bezahlte Dienstleistung handelt und nicht um eine Liebesbeziehung?
Diese Sorgen sind ernst zu nehmen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Eine geistige Behinderung macht Menschen nicht asexuell. Ihre Körper entwickeln sich wie bei allen anderen, und ihre sexuellen Bedürfnisse sind die gleichen. Die Einwilligungsfähigkeit wird nicht pauschal über die Diagnose entschieden, sondern im Einzelfall geprüft – oft gemeinsam mit Betreuung und Angehörigen. Viele kommunizieren sehr genau, was sie wollen und was nicht – verbal, durch Gesten oder Körpersprache.
Pro familia betont in ihrer Broschüre „Sexualität und geistige Behinderung“ (2022), dass Menschen mit geistiger Beeinträchtigung sehr unterschiedliche Fähigkeiten haben und die Auseinandersetzung mit Sexualität diese Verschiedenartigkeit berücksichtigen muss. Monika Krenner schreibt in ihrem Buch „Sexualbegleitung bei Menschen mit geistiger Behinderung“ (2003), dass Sexualbegleitung ein Angebot ist, das hilft, das Grundbedürfnis nach Sexualität auszuleben, ohne Illusionen zu verkaufen. Die UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 23) unterstreicht das Recht auf Privatsphäre und Beziehungen. Sexualbegleitung ist keine Ersatzpartnerschaft, sondern eine klare Dienstleistung. Das wird im Vorgespräch und durch symbolische Handlungen wie die Barzahlung immer wieder deutlich gemacht.
Wie läuft Sexualbegleitung in der Praxis ab?
Jede Begegnung beginnt mit einem ausführlichen Vorgespräch, oft mit Pflegekraft oder gesetzlichem Betreuer. Wünsche, Grenzen und Regeln werden besprochen: Zeitlimit, klare Bezahlung, keine romantischen Versprechen. Die Klientin oder der Klient bestimmt zu 100 %, ob, was und wie etwas geschieht. Ich passe mich an – von sanften Streicheleinheiten über Massage bis hin zu gegenseitigem Berühren oder Geschlechtsverkehr. Alles bleibt professionell, achtsam und in Liebe.
Echte Begegnungen – was die Klientinnen und Klienten selbst bestimmen und genießen
- M. (Ende 50, leicht geistig eingeschränkt, geschieden, Wohneinrichtung) M. Wünschte sich nach langer Zeit wieder Sex. Beim ersten Treffen war sie sofort begeistert: „Oh, was für ein schöner Mann bist du!“ Sie konnte es kaum abwarten, dass wir uns auszogen und ins Bett kamen. Nackt kommentierte sie völlig ungeniert und mit großer Freude das Aussehen meines Geschlechtsteils und genoss es sichtlich, dass sie das jetzt endlich wieder erleben durfte. Sie bestimmte den Ablauf – mit viel Freude und ohne Scham. Nach den Sessions bespricht sie das Erlebte mit ihrer Betreuerin.
- S. (Anfang 60, stärker intellektuell beeinträchtigt, spricht nur in kurzen Sätzen, Rollstuhl, Heim) S. war beim ersten Treffen zurückhaltend und wollte gehalten und am Rücken gestreichelt werden. Plötzlich hob sie ihren Pulli und Sport-BH, ließ ihre Brüste herausfallen und forderte mich auf, sie zu streicheln. Nach einer Weile beendete sie die Begegnung selbst. Drei Monate später lag sie schon nackt im Bett, forderte mich auf, mich auszuziehen, führte meine Hand an ihr Geschlecht und sagte später direkt: „jetzt ficken“. Nach ihrem Orgasmus drängte sie mich freundlich hinaus. Ab da wollte sie es jedes Mal genau so – immer bestimmte sie was und wie lange geschehen sollte, immer mit sichtbarer Lust.
- L. (Mitte 30, geistig und körperlich behindert, fettleibig, kann sich kaum bewegen) L. war enttäuscht von früheren Partnern, die zu grob waren. Sie genoss es besonders, zu küssen und ihre Brüste liebevoll gestreichelt zu bekommen. Nach einer Weile wollte sie mich blasen – sie hatte selbst Kondome mit Geschmack besorgt und war voller Begeisterung dabei. Danach wollte sie einen Orgasmus per Hand und anschließend Geschlechtsverkehr. Sie sagte jedes Mal, dass sie diese respektvolle, bezahlte Dienstleistung einer unsicheren Beziehung vorzog. Später pausierte sie, als sie einen neuen Verlobten hatte – und kam zurück, als er sie enttäuschte, da sie sich von ihm nicht respektiert fühlte.
- K. (Anfang 30, gehbehindert, stark geistig behindert, kommuniziert durch Laute und Gesten) K. wählte mich bei einem Gruppenangebot sofort aus. Sie suchte selbst Gleitgel und Lecktücher, ließ sich von der Pflegerin entkleiden und imn ihrem Zimmer auf das Bett legen. Bei der Massage genoss sie besonders die Brustmassage, griff nach meinem Glied, drückte und streichelte es. Dann drückte sie meinen Kopf in Richtung ihres Intimbereichs und zeigte auf die Lecktücher. Sie wusste genau, was sie wollte, und machte es mir durch Gesten und Laute eindeutig klar – und hatte großen Spass dabei.
- E. (Ende 50, stärker geistig behindert, blind, Heim) E. hatte ihren Pflegenden klar signalisiert, dass sie Sex wollte. Sie zog sich in der Session selbst teilweise aus, legte sich hin und zeigte durch Berührungen, dass sie gestreichelt und gefingert werden wollte – bis zum Höhepunkt. Danach kuschelte sie sich zufrieden an mich und gab glückliche Laute von sich. Drei Monate später bestellte sie mich wieder.
- H. ( Anfang 50, stark geistig eingeschränkt, männlich,) H. sagt meist nur kurze Sätze wie: „Pimmel – schön; Ficken schön, näh?!“ und möchte berühren und berührt werden. Beim zweiten Besuch wollte er auch Oralverkehr. Seit unseren Sessions ist er deutlich ausgeglichener und belästigt keine Mitbewohner mehr. Auch hier bestimmte er selbst, was und wie viel er wollte.
- C. (Ende 20, geistig eingeschränkt, betreute Wohnung) C. hatte sich früher beim Versuch zu masturbieren selbst verletzt. Sie wünschte sich intime Berührungen und schmerzfrei Geschlechtsverkehr. Nach ausgiebigem Kuscheln erlebte sie durch zärtliche Finger einen heftigen Orgasmus und fragte überrascht: „Was war denn das?“ Sie wollte sofort mehr – und noch einen. Sie lernte danach, sich selbst sanft zu befriedigen und hörte auf, Männer zu belästigen. Ihren Freundinnen erzählte sie stolz und hemmungslos von unseren Sessions.
- G. (Anfang 60, stark geistig behindert, Wohnheim) G. hatte den Pflegeleiter wiederholt aufgefordert, mit ihr zu ficken. Nach klarer Aufklärung, dass diese Äußerungen nicht gewünscht seien, sie aber Sex mit einem Sexualbegleiter haben könne, genoss sie den Sex mit mir sehr. Danach belästigte sie niemanden mehr und bucht mich seither unregelmäßig – immer mit viel Freude.
- N. (Ende 30, leicht geistig behindert, streng katholisch erzogen) N. sagte klar: „Brüste, Geschlecht oder Po nicht anfassen – das tut man nicht.“ Dafür wollte sie Rücken, Arme und später Beine mit warmem Öl massiert bekommen. Sie zog sich selbst so weit wie nötig aus und bestimmte jede Session neu – mal mit Kuscheln, mal ohne. Sie wusste immer genau, was sie wollte und wo ihre Grenzen waren.
Was bewirkt Sexualbegleitung wirklich?
Die Klientinnen und Klienten gewinnen Selbstvertrauen, lernen „Ja“ und „Nein“ klarer zu sagen und reduzieren sexuellen Frust. Viele erleben ihren Körper durch die Sexualbegleitung als lustvoll und bekommen ein positives Verhältnis zu ihm. Für mich ist es berührend, sie dabei zu begleiten, und ich erlebe immer wieder, wie diese Menschen aufblühen und wie sehr sie an Lebensqualität gewinnen. Eine zutiefst erfüllende Arbeit.
Fazit
Sexualbegleitung hilft Lebensqualität zu erhöhen und ist ein Baustein zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und der Empfehlungen von pro familia und Fachautoren wie Monika Krenner. Sie ersetzt keine Partnerschaft, sondern ergänzt auf körperlicher Ebene dort, wo keine vorhanden ist. Als Pflegende oder Angehörige können auch Sie das Thema enttabuisieren und bei Bedarf helfen, professionelle Dienstleister zu vermitteln.
Wenn Sie Fragen haben, schreiben Sie mir gerne per E-Mail oder über Sexualbegleitung-NRW.de.
Quellen (Auswahl):
- pro familia (2022): Sexualität und geistige Behinderung. Broschüre.
- Monika Krenner (2003): Sexualbegleitung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Tectum Verlag.
- UN-Behindertenrechtskonvention, Artikel 23.
- ISBB (Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter): Richtlinien und Ausbildungsinformationen.
mein Jahresrückblick 2024















