Überlassen wir die Moral nicht den Moralaposteln
Von der säkulären Moral
Wann immer jemand zu Themen schreibt oder spricht, die irgendwie mit Moral zu tun haben, melden sich selbsternannte Moralapostel zu Wort. Sie postulieren ihre meist unreflektierten Vorstellungen von dem, was ihrer Meinung nach moralisch sei und was nicht. Weil sie immer wieder das Wort ergreifen und weil sie an vermeintliche gesellschaftliche Konsens anknüpfen, wird das, was sie von sich geben, von vielen für bare Münze genommen. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch nicht um einen echten Konsens. Es werden meist nur weit verbreitete Vorurteile wiederholt und weitergetragen.
Doch auch hier gilt: Nur weil etwas immer wieder gesagt wird, wird es nicht richtig. Und nur weil ich eine bestimmte Grundhaltung habe, müssen diese Werte nicht automatisch auch für andere Menschen von Bedeutung sein. Moralapostel scheinen das oft gar nicht wahrzunehmen. Sie verkünden ihre Vorstellung von Moral – wie verquer oder eng sie auch sein mag – so, als sei sie allgemeingültig und alternativlos.
Genau deshalb dürfen wir die Antworten auf Fragen der Moral auf gar keinen Fall irgendwelchen Moralaposteln überlassen. Wir müssen tiefer gehen. Wir müssen herausfinden, was in unserer Gesellschaft tatsächlich anerkannte Grundlagen sind, auf denen wir dann beurteilen können, ob etwas moralisch oder unmoralisch ist.
Die verbindliche Grundlage einer säkularen Gesellschaft
Natürlich fällt einem zuerst die Moraltheologie ein. Doch wir leben in einer säkularen Gesellschaft. Jede und jeder darf glauben, an was oder an wen sie oder er will. Gleichzeitig müssen wir den freien Willen derjenigen achten, die etwas anderes glauben oder gar nicht glauben. Unsere gemeinsame Grundlage kann daher keine einzelne religiöse Lehre sein.
Unsere Gesellschaft gründet auf dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Und dieses wiederum steht in engem Zusammenhang mit den Allgemeinen Menschenrechten. Das ist die verbindliche Basis, von der wir ausgehen können und sollten.
Das Grundgesetz stellt in Artikel 1 die Menschenwürde in den Mittelpunkt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Artikel 2 schützt die freie Entfaltung der Persönlichkeit, Artikel 3 die Gleichheit vor dem Gesetz. Diese Prinzipien sind keine unverbindlichen Ideale, sondern der verbindliche Rahmen unseres Zusammenlebens. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 betont ebenfalls die angeborene Würde und die gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft. Freiheit, Selbstbestimmung und der Schutz vor Diskriminierung und Erniedrigung stehen im Zentrum.
Wer in einer säkularen Demokratie über Moral spricht, kommt an diesen Grundlagen nicht vorbei. Sie sind der gemeinsame Boden, auf dem unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander bestehen können – solange sie die Würde und die Freiheit der anderen achten.
Was die großen Denker zur Moral beitragen
Neben Verfassung und Menschenrechten lohnt der Blick auf die Philosophie. Die großen Denkerinnen und Denker haben über Jahrhunderte hinweg nachvollziehbare Kriterien erarbeitet, die uns helfen, moralische Fragen zu klären, ohne in persönliche oder religiöse Dogmen zu verfallen.
Autonomie und Würde (Immanuel Kant): Kant formulierte den kategorischen Imperativ und die Forderung, den Menschen jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst und niemals bloß als Mittel zu gebrauchen. Entscheidend ist die Achtung vor der Autonomie des anderen. Handlungen sind moralisch dann, wenn sie die freie Selbstbestimmung aller Beteiligten respektieren.
Nutzen und Schadensvermeidung (Utilitarismus, John Stuart Mill)**: Mill betonte das Prinzip des größten Glücks und das Harm Principle: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo sie anderen Schaden zufügt. Eine Handlung kann moralisch gerechtfertigt sein, wenn sie insgesamt mehr Wohlbefinden und weniger Leid erzeugt – unter der Voraussetzung der Freiwilligkeit.
Tugend und gutes Leben
(Aristoteles): In der Tugendethik geht es um die Ausbildung von Charaktertugenden wie Gerechtigkeit, Mäßigung und Freundschaft. Ein gutes Leben entsteht durch das richtige Maß und durch Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit und Achtung beruhen.
Moderne Ergänzungen: Diskursethik (Jürgen Habermas) betont die Bedeutung vernünftiger, herrschaftsfreier Verständigung. John Rawls’ Gerechtigkeitsprinzipien stellen die faire Ausgangsposition und den Schutz der Schwächeren in den Mittelpunkt.
Diese Ansätze sind nicht widerspruchsfrei, aber sie liefern gemeinsam eine tragfähige, säkulare Grundlage: Einvernehmen, Autonomie, Vermeidung von Schaden, Achtung der Würde und die Möglichkeit, dass Menschen ihr Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten können, solange sie anderen dasselbe Recht einräumen.
Besonders bei Sexarbeit schlagen die Moralapostel zu
Gerade wenn es um Sexarbeit geht, kommen die Moralapostel besonders gerne um die Ecke und schwingen die Moralkeule. Sie erklären pauschal, Sex gegen Bezahlung sei per se unwürdig, ausbeuterisch oder moralisch verwerflich. Oft stützen sie sich dabei auf Vorurteile, die sie als gesellschaftlichen Konsens verkaufen.
Doch Sexarbeit ist nicht von sich aus unmoralisch. Ganz im Gegenteil: Sie kann viele moralisch abgesicherte und ethisch wertvolle Beiträge zu unserer Gesellschaft leisten. Das gilt für Sexarbeit allgemein. Ganz besonders gilt das für supportive Sexwork, Sexualassistenz und Sexualbegleitung.
Wenn zwei erwachsene Menschen frei, informiert und einvernehmlich miteinander sexuelle Dienstleistungen vereinbaren, dann entspricht das den oben genannten moralischen Grundlagen. Die Autonomie aller Beteiligten wird geachtet. Es entsteht kein Zwang. Die Menschenwürde bleibt unangetastet. Und es entsteht sogar ein spürbarer Nutzen: Linderung von Einsamkeit, Erfahrung von Begehrtwerden, Stärkung des Selbstwerts, Zugang zu Sexualität für Menschen, die sonst ausgegrenzt werden.
In meiner eigenen Arbeit als Sexualbegleiter und Tantramasseur erlebe ich das immer wieder.
Ich berühre in Liebe. Die Begegnungen sind körperlich und sexuell – und zugleich geprägt von Achtsamkeit, klaren Grenzen und tiefer Wertschätzung. Menschen fühlen sich gesehen als fühlende, sexuelle Wesen. Sie erleben, dass ihr Körper und ihre Sehnsucht Raum haben dürfen. Sexual Healing bedeutet für mich, durch liebevollen, achtsamen Sex Räume zu öffnen, in denen Menschen sich wieder spüren und annehmen können – durch gelebte Präsenz und Respekt.
Sexarbeit muss nicht einmal „heilen“, um moralisch in Ordnung zu sein. Es reicht die respektvolle, wertschätzende Begegnung und die freie Vereinbarung darüber, ob und zu welchen Bedingungen Sex stattfinden soll. Wer Sexarbeitende stigmatisiert, ausgrenzt oder herabwürdigt, handelt unmoralisch. Auch die paternalistische Haltung, man wisse besser als die Betroffenen selbst, was gut für sie sei, und dürfe deshalb über sie urteilen und bestimmen, ist unmoralisch – selbst wenn sie gut gemeint ist.
Eine Einladung zur eigenen moralischen Klarheit
Lasst uns die Moral nicht den Moralaposteln überlassen. Stattdessen können wir uns an den gemeinsamen Grundlagen unserer säkularen Gesellschaft orientieren: an Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und den philosophischen Kriterien von Autonomie, Einvernehmen und Schadensvermeidung. Auf diesem Boden wird sichtbar, dass Sexarbeit, die einvernehmlich, respektvoll und selbstbestimmt stattfindet, ethisch tragfähig und gesellschaftlich wertvoll sein kann.
Das gilt für Sexarbeit insgesamt. Und besonders für Sexualassistenz und Sexualbegleitung, die Menschen mit Behinderung, nach Krankheit oder in Isolation den Zugang zu Nähe, Berührung und Sexualität ermöglichen. Wer diese Arbeit mit Liebe, Kompetenz und klarer Haltung ausübt, leistet einen Beitrag zur gelebten Menschenwürde.
Jeder Mensch darf im Einklang mit seiner eigenen, reflektierten Moral Sex mit Profis in Anspruch nehmen – in Würde, in Freude und ohne Scham. Die Moral gehört uns allen. Nicht den lauten Moralaposteln, die sie für sich beanspruchen.
mein Jahresrückblick 2024
















